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Social Media Profiling

Vom Marketing Tool zur Terror-Abwehr – die beeindruckende Karriere des Social Media Profiling

In seinen Anfängen wurde Social Media Profiling von Marketern genutzt, um herauszufinden wo sich ihre Zielgruppe auf der Customer Journey befindet, wo sie sich informiert, welche Communities sie nutzt etc., um sie damit noch genauer anzusprechen. Unter dem Begriff Predictive Profiling haben Daten-Profis dann Ansätze entwickelt, um künftige Verhaltensweisen oder Entwicklungen vorherzusagen. Dazu zählen etwa Wahrscheinlichkeiten von Zahlungsausfällen, Krankheiten oder Unfällen – Dinge die Banken, Krankenkassen und Versicherer sehr interessieren und von denen sie den Zugang zu ihren Leistungen abhängig machen können. In den vergangenen Wahlkämpfen hat das Instrument angeblich schon Mehrheiten mobilisiert.

Social Media Profiling – der nächste Karriereschritt

Und nun steht dem Instrument ein weiterer Karriereschritt bevor: Es soll den USA helfen, Terroristen bei der Einreise zu identifizieren. Dazu sollen bei Grenzkontrollen vermehrt Smartphones konfisziert und durchgeschaut werden. Die Beamten verschaffen sich Zugriff auf Adressbücher und Facebook- oder Twitter-Kanäle. Sie überprüfen, wie sich Personen in sozialen Netzwerken zu bestimmten Themen äußern und machen davon die Einreise abhängig. Ob das so wirksam ist, sei dahingestellt. Wer sich wirklich mit Terror-Gedanken trägt, wird das nicht unbedingt auf seinem Smartphone dokumentieren.

Aber die heftigen Reaktionen, die dieses Vorgehen nach sich zieht, machen deutlich, dass hier noch etwas anderes im Spiel ist. So unmittelbar erleben wir ja das Eindringen in unsere Privatsphäre sonst nicht. Das Smartphone ist für viele von uns längst zur Erweiterung unseres Selbst geworden oder wie es die Süddeutsche Zeitung nennt: eine Psychoprothese. Und deshalb sind Eingriffe in unser Smartphone so persönlich und schmerzhaft. Unmittelbar wird uns vor Augen geführt, wie ein Fremder tief ins eigene Leben hineinblickt. Die Geste der Unterwerfung ist hier direkt spürbar.

Social Media Profiling – Chance zur Sensibilisierung?

Solange es nur Algorithmen sind, bleibt das ganze Sammeln, Fusionieren und Analysieren der Daten abstrakt. Aber sobald ein Fremder direkt in den Spiegel unseres Privatlebens blickt, ist das etwas Anderes. Vielleicht ist es hilfreich, sich diese Situation öfter vorzustellen, um beim Umgang mit den eigenen Daten in digitalen Kanälen zu entscheiden, welche Spuren ich im Netz hinterlassen möchte.

Von Dr. Hans-Wilhelm Eckert

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Twitterpräsident Trump: Folgst du noch oder ver-folgst du schon?

Seit seiner Vereidigung als US-Präsident bedient Donald J. Trump zwei Twitterkanäle: Seinen „eigenen“, @realDonaldTrump und den offiziellen Kanal des @POTUS (President of the United States). Der private Account schlägt zwar mit mittlerweile 22,1 Millionen Followern, Tendenz steigend, den offiziellen Kanal des ehemaligen Präsidenten Barack Obama, der 14,6 Millionen Anhänger auf Twitter hat. Obama wiederum hat, obwohl er seit der Vereidigung Trumps nicht mehr aktiv ist, 300.000 Anhänger mehr als der offizielle Trump-Kanal.

Quantität vs. Qualität

Follower-Zahlen geben vor, etwas über Relevanz auszusagen. Das scheint auch Trump besonders wichtig zu sein, wie das Beispiel seiner Vereidigung zeigt. Er rühmte sich damit, das größere Publikum im Vergleich zu Obamas Vereidigung im Jahr 2009 gehabt zu haben, auch wenn Gegenüberstellungen von Luftaufnahmen etwas anderes nahelegen. Einem Spiegel-Artikel zufolge ist dieses „Truth-Bending“ Folge starker narzisstischer Züge, die Trump aufweist. Seine übertriebene Darstellung, dass er die Menschenmenge seiner Vereidigungszeremonie auf mindestens eine Million schätze, erklärt der Spiegel mit einem Zitat aus dem Deutschen Ärzteblatt: „Die Betroffenen haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, sie verlangen nach übermäßiger Bewunderung, sie idealisieren sich selbst und sind stark von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz oder Schönheit eingenommen.“

Was steckt aber hinter Trumps 22,1 Millionen? Es ist bekannt, dass nicht nur „echte“ Menschen hinter dieser Zahl stehen, sondern auch sogenannte Bots und Spam-Accounts. Hinter den Bots (die abgekürzte Version für „Robots“) verstecken sich Programme, die beispielsweise auf Twitter darauf programmiert sind, bestimmten Accounts zu folgen und deren Tweets wiederzugeben. Dies machen sich Politiker wie Trump zunutze und verbreiten damit gezielt Nachrichten an andere Twitter-User. Spam-Accounts folgen vielen Accounts, weisen aber selbst keine weitere Aktivität auf Twitter auf. Welche solcher Accounts „echt“ und welche programmiert sind, ist nicht eindeutig festzustellen. Jedoch ist die Zahl der in Amerika lebenden Trump-Follower, die somit als „brauchbare“ Follower gewertet werden können, überraschend klein. Laut Forbes Magazin, das sich auf eine Studie der Plattform Affinio bezieht, sind dies nur ca. drei Millionen Twitter-Follower. Von diesen posten nur 13% öfter als 15-mal im Monat einen Tweet und sind somit als aktive Follower einzustufen. 11% dieser drei Millionen sind aufgrund der verwendeten Hashtags als politisch einzuordnen. Das Wichtigste jedoch: Sie scheinen keine Trump-Anhänger zu sein, da die drei meistgefolgten Accounts von diesen wiederum Barack Obama, Hillary Clinton und Bernie Sanders sind. Diese User „folgen“ also Trump nicht im engeren Sinne, sondern „ver-folgen“ schlichtweg seine Aktivitäten.

Warum Trump folgen?

Viele Twitter-User scheuen aus einem einfachen Grund davor, Trump zu folgen: Sie möchten schlichtweg nicht als Sympathisanten Trumps verstanden werden. Doch damit verpassen sie die Chance, ungefilterten Zugang zum Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt zu haben. Egal ob „Gegner“ oder „Anhänger“ – hier bietet sich die Möglichkeit, sich aus erster Hand über die Person zu informieren, mit der wir es für die nächsten vier Jahre zu tun haben, anstatt auf bereits vorgefertigte Meinungen zu vertrauen. Trumps Twitteraccount ist dank der Schnelligkeit des Mediums und der regen Aktivität des Präsidenten eine Chance für jeden, sich darüber zu informieren, was Trump durch den Kopf geht. Wer um seine Onlinereputation fürchtet, kann durch Retweets Position beziehen.

Und wie halten Sie es mit dem Folgen? Folgen Sie nur Menschen, mit deren Positionen sie sympathisieren, oder auch Vertretern anderer Meinungen?

 

Von Dr. Hans-Wilhelm Eckert

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Ein Blick durch die Filterblase

Eine neue Filterblase oder alte Luft in neuen Hüllen?

Der Wahlsieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl hat dem Thema Filterblase  eine neue Aktualität verliehen. Das Phänomen hat der US-Amerikaner Eli Pariser im Jahr 2011 erstmals beschrieben und vor der Gefahr gewarnt, die Algorithmen im Zusammenhang mit Personalisierung für den politischen Meinungsbildungsprozess darstellen. Verstärkt wird das Phänomen jedoch im Jahr 2016 durch Social Bots, die durch gezieltes Sharing und Retweets auf Facebook und Twitter dazu beitragen, die Online-Debatten gezielt in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Nun stellt sich die Frage: Wie entsteht die eigene Filterblase und wie kann man sich vor ihr schützen?

 

So entsteht die eigene Filterblase

Das Entstehen der eigenen Filterblase basiert auf dem Prinzip, das Nutzer nur solche Informationen angezeigt bekommen, die dem eigenen Weltbild und den eigenen Meinungen entsprechen. Mehr noch als das natürliche soziale Umfeld filtern Algorithmen abweichende Meinungen aus dem Newsfeed heraus und verstärken hingegen die als positiv erachteten Meinungen. Dabei spielen sowohl eigene Interessen als auch die Interessen der Freunde eine Rolle. Betrachtet man den Newsfeed auf Facebook genauer und über mehrere Tage hinweg, stellt man fest, dass der entscheidende Faktor bei den Inhalten der Pages, die man geliked hat, liegt. Konkret heißt das, dass alles, was diese Pages an Inhalten posten, verstärkt im eigenen News Feed auftaucht. Zudem hängt der Umfang der angezeigten Inhalte von der eigenen Interaktionsrate mit diesen Pages ab: Je öfter ich solche Inhalte like oder teile, desto mehr Inhalte dieser Seite bekomme ich angezeigt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Interagiere ich immer nur zum Beispiel mit einer News-Seite, werden mir im Laufe der Zeit auch nur noch Inhalte dieser News-Seite angezeigt.

 

 

So bringt man die Filterblase zum Platzen

Um einer einseitigen – wenn auch unbewussten – Informationsbeschaffung zu entkommen, gibt es einige hilfreiche Tipps und Tricks, die man anwenden und befolgen kann, um stets den Weitblick zu behalten und den eigenen Horizont zu erweitern. Dabei führt der erste Schritt zu den Privatsphäre-Einstellungen von Facebook: Hier sollte man alle gespeicherten Interessen und Aktivitäten löschen, da diese die Anzeige von Werbung und die Inhalte des Newsfeeds beeinflussen. Im nächsten Schritt geht es um Abonnements von (Freunde-) Seiten: Hier lautet die goldene Regel: Je mehr Abonnements, desto vielfältiger und diversifizierter der Meinungs-Pool. Last but not least: Mehr liken, zum Beispiel Pages von unterschiedlichen politischen Parteien, da sich so viele, einzelne und neue Netzrealitäten erschließen lassen, die zu einer Ausgewogenheit der angezeigten Inhalte beitragen. Folgende Maßnahmen verhindern ebenfalls das Entstehen einer Filterblase – vorausgesetzt sie werden konsequent genutzt:

 

So kann man sich gegen die Filterblase wappnen:

  1. Nutze alternative Suchmaschinen, z.b. Duckduckgo oder Cliqz
  2. Finde neutrale Informationen mithilfe der Metasuchmaschine Unbubble
  3. Schränke das Tracking ein mit diversen Add-ons, z.B. Ghostery
  4. Erweitere die Perspektive mit der Website newstral.com, die alle Schlagzeilen des Tages aus sämtlichen Medien und der Blogosphäre übersichtlich zusammenstellt.

 

Politische Meinungsbildung: Social Bots und die Filterblase

In der politischen Meinungsbildung mischen Social Bots aktiv in den sozialen Netzwerken mit, wie eine aktuelle Twitteranalyse der Rede von Angela Merkel beim CDU Bundesparteitag zeigt. Ihr Ausmaß ist aber längst nicht so groß ist, wie immer angenommen wird. Konkret bedeutet das für die Entstehung der Filterblase: Entdeckt man bestimmte Accounts immer wieder in bestimmten Online Debatten (Faustregel: Accounts mit ca. 50 oder mehr Tweets und/ oder Freunden am Tag), handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Fake Accounts. Bei der genannten Analyse von insgesamt 1.407 Tweets konnten lediglich 125 Tweets, d.h. 8,9%, auf das Konto von Social Bots verbucht werden. Social Bots spielen also zumindest hierzulande (noch) eine untergeordnete Rolle, wenn es um Politik in den sozialen Netzwerken geht.

Worum es vielmehr gehen sollte in der aktuellen Debatte ist die Schärfung des eigenen Bewusstseins und den Einsatz des eigenen menschlichen Verstands, da die Existenz unterschiedlicher Netzrealitäten genauso alt ist wie die Existenz unterschiedlicher Stammtische – eben nur in digitaler Form.

 

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der Filterblase und Social Bots gemacht? Glauben Sie, dass beide im bevorstehenden Bundestagswahlkampf 2017 eine relevante Rolle spielen werden? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und Einschätzungen zu diesem Thema!

 

Von Dr. Hans-Wilhelm Eckert